Katryn Berlinger im Interview

9. September 2016
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Katryn Berlinger (c) Guido Karp für P41Dcom

Katryn Berlinger (c) G. Karp für P41Dcom

„Schokolade ist ein Stück zum Glück.“

Ein Gespräch mit Katryn Berlinger über den Genuss von Schokolade, die Schönheit der lettischen Hauptstadt Riga und ihren Roman „Das Schokoladenmädchen“.

 

Wenn man „Das Schokoladenmädchen“ liest, merkt man sofort, dass Sie sich ausführlich mit dem Thema Schokolade befasst haben. Was bedeutet Schokolade für Sie?

Katryn Berlinger: „,Weißt du, das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt‘, sagt Inessa im Roman zu Madelaine. Und weil das so ist, greife ich zu. Mir hilft Schokolade beim Schreiben: zur Inspiration, als Energieschub-Quelle und Belohnung. Wir alle wissen doch: Schokolade ist ein Stück zum Glück. Sie ist Schmelz und Kreation, Liebe und Rausch – und wir sind ihr verfallen.“

 

Was hat Sie zu Madelaines Geschichte inspiriert?

Katryn Berlinger: „Zu ersten Gedanken über die Geschichte hat mich das Bildnis ,La Belle Chocolatière‘ von Jean-Étienne Liotard (1702 – 1789) inspiriert, das in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister ausgestellt ist. Viele Male habe ich vor dem schattenlosen Pastellbild gestanden und mir gewünscht, ich könnte dem so still und andächtig ausharrenden Mädchen das mit einer Tasse Schokolade und einem Wasserglas beschwerte Tablett aus den Händen nehmen, um mich mit ihr zu unterhalten.“

 

berlinger-2Und worüber hätten Sie sich gerne mit dem Schokoladenmädchen unterhalten?

Katryn Berlinger: „Ich habe mich gefragt, wie sich wohl eine Frau mit großem Talent um die Jahrhundertwende hätte behaupten können. Konfrontiert mit starken sozialen Spannungen, der Flut technischer Erfindungen und den politischen Umwälzungen hätte sie viel Kraft und gutes Geschick für ihre individuelle Selbstverwirklichung beweisen müssen. Wenn aber der Druck unerträglich wird und nicht nur ihr Talent, sondern auch ihre Liebe zu ersticken droht, darf frau dann ihrem Herzen nachgehen? Wie viele Wege führen zum wahren Glück?“

 

Wieso haben Sie Riga als Schauplatz für Ihren Roman gewählt?

Katryn Berlinger: „Viele meiner Romane spielen an der Ostsee. Auf meiner inneren Reise wanderte ich Richtung Baltikum und gelangte schließlich nach Riga. Die reiche Handelsstadt mit ihrer stolzen Pracht symbolisierte Ende des 19. Jahrhunderts das kluge und engagierte bürgerliche Denken. Trotzdem erreichte der wirtschaftliche Aufschwung nicht alle, was die sozialen Spannungen verstärkte: Rigas Schönheit, dem kosmopolitischen Geist, Reichtum und Macht standen das jahrhundertelange Leiden des unterdrückten lettischen Volkes und die Gefährdung des errungenen Fortschritts durch die befohlene Russifizierung gegenüber.
Die wechselvolle Geschichte der Stadt finde ich ungemein spannend. Als ich dann in einer auf das Baltikum spezialisierten Bibliothek den Hinweis fand, dass es in Riga eine lange Tradition der Schokoladenherstellung gab. Da war mir klar: Genau dort muss meine Romanheldin ihre Erfolge feiern!““

 

Berlinger-1Wenn Sie einen Tag in Madelaines Leben leben könnten, welchen Tag würden Sie sich aussuchen?

Katryn Berlinger: „Ein zauberhafter Junimorgen nach dem Johannisfest in der Rigaer Bucht bei Jurmala. Über die glatte Ostsee spannen sich rosige Nebelschleier. Es ist still und friedlich, ganz so als ob die Ewigkeit atmen würde. Madelaine setzt einen Kessel mit Wasser, Salz und Dill für die fangfrischen Krebse auf. Sie will diesen freien Tag für sich allein genießen – und ahnt nicht, dass so früh bereits ein Spaziergänger am Strand unterwegs ist. Noch glimmen die Johannisfeuer am Strand, noch klingen die Lieder der Frauen nach. Magie liegt in der Luft … An diesem Morgen wird sich für Madelaine alles ändern, getreu ihrem Lebensmotto: ,Der Zauber von Schönheit, Wahrheit und Süße ist immer stärker als das Böse, das Feuer und der Sturm.‘“

 

Wie schwer fällt es Ihnen, sich am Ende einer Geschichte von den Figuren zu verabschieden?

Katryn Berlinger: „Es sind nicht nur die einzelnen Figuren, sondern es sind ihre Geschichte und ihre Gefühlswelt, die nach Abschluss eines Manuskriptes noch lange in mir nachklingen. In jedem Roman steckt so viel Energie und Hingabe, dass in meinem Inneren die Bilder und Figuren weiterleben. Im Laufe der Zeit verblasst dieses oder jenes, aber die Figuren bleiben vertraute Freunde. Ich erinnere mich immer daran, wie es war, als ich sie ins Leben brachte. So ist es nur natürlich, dass die neu erschaffene, fiktive Welt und ihre Figuren fortbestehen, für den, der sie schuf, und für diejenigen, die sich von ihnen berühren lassen.

 

 

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