Maria Bachmann und die Schreib-Diät

11. Februar 2015
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Maria Bachmann (c) Matthias Beier

Maria Bachmann (c) Matthias Beier

Es war ein Nachmittag im Hochsommer 1991. Ich saß in meinem Zimmer. Die Tür zur Terrasse stand offen, die blau gestrichenen Fensterläden waren halb geschlossen. Ich brütete im Schatten am Schreibtisch – in der schützenden Düsternis – vor mich hin. Niemand rief an. Es war still draußen. Im Sommer fragte ich mich immer, wo all die Menschen hingegangen waren, die sonst so emsig durch die Straßen liefen. Es gab Stunden, da waren sie einfach weg. Vielleicht waren sie im Büro oder im Schwimmbad. Ich fühlte mich allein. Und dick.

Ich machte gerade eine Art „Diät“. Alle meine Freundinnen machten die. Fit for Life: keine Milch, bis mittags nur Obst, dann drei Stunden nichts und niemals Kohlenhydrate und Eiweiß zusammen. Leider nahm ich gar nicht dabei ab. Weil ich, sobald die drei ewig langen Stunden Wartezeit vorbei waren, so viel Trennkost auf einmal in mich hinein stopfte, dass ich davon sogar zunahm. Ich schaute auf die Uhr und überprüfte, wann ich wieder etwas essen durfte. Ich schaute durch die Tür hinaus auf den Rasen. Und da war er plötzlich.

Der eine Gedanke.

Er kam aus dem Nichts. Ohne mein Zutun, ohne Überlegung, ohne Plan. Er hieß: „Ich schreibe ein Buch.“ Ich bekam Herzklopfen, als ich das dachte. Der Gedanke nahm sich Raum in meinem Kopf, ja, in meinem ganzen Körper. Und zwar so, dass es mir den Appetit verschlug. (Und das will was heißen). „Ich schreibe ein Buch.“ Warum nicht? Ich schreibe ein Buch. Es gab ja sonst nichts zu tun. Ich war weder im Schwimmbad noch im Büro. Ich wartete lediglich darauf, dass drei Stunden bis zur nächsten Mahlzeit vergingen und mein freiberufliches Künstler-Leben sich auf gute Weise entfaltete. Aber Warten allein war immer schon viel zu wenig. Ich schreibe ein Buch. Auf einmal war der Nachmittag nicht mehr heiß und nicht mehr still. Ich fühlte mich auch nicht mehr allein. Ich hatte diesen feurigen Gedanken, dass ich ab dieser Sekunde Buchautorin bin.

Bachmann schreibtIch fing unverzüglich an. Schrieb mit einem Füllfederhalter auf die Rückseiten von DIN-A4-Seiten. Vorn drauf war mein Lebenslauf: von der Arzthelferin, über die Krankenschwesternschülerin zur Schauspielerin. Ich schrieb ohne irgendetwas zu hinterfragen. Ich schrieb viele Seiten am Tag, ich brach meine Diät ab und aß normal. Normal heißt: wenn ich Hunger verspürte. Nach dem Aufwachen zog es mich sofort zum Schreibtisch. Ich recherchierte in meinen alten Tagebüchern, in meinen Kalendern. Ich durchlebte vergangene Jahre mit dem „Panikrocker“, zwischendurch rief er sogar einmal an (!), ich war zornig, verzweifelt und sehnsüchtig und manchmal kullerten beim Schreiben die Tränen. Und: Ich war glücklich. Wenn mich jemand gefragt hätte, was pures Glück für mich ist, dann hätte ich „Schreiben“ geantwortet. Ich hatte geistige Nahrung, an der ich mich satt aß. Nach zwölf rasanten Tagen war ich fast enttäuscht, dass die Geschichte fertig erzählt war. Ein Schmerzensglück. Die Waage zeigte eineinhalb Kilo weniger.

Heißt das, dass Schreiben schlank macht? Nun, vielleicht. Wenn die Worte fließen, wenn keine Selbstzweifel im Weg stehen, dann vielleicht. Wenn der Schreibrausch angesaust kommt und einen im Sturm erobert, dann vielleicht.

Ich kenne aber auch andere Zustände: Schreibblockaden. Das sind die Zeiten, in denen ich garantiert zunehme. Weil ich aus Frust esse. Weil ich die Wohnung putze, bis ich fast erblinde vor strahlender Sauberkeit, und mir anschließend Pralinen gönne. Und Eiscreme. Und Käsebrote. Oder Käsekuchen. Oder ein halbes Hendl mit Pommes und danach den Käsekuchen. Mein Laptop sendet im Radius von einem Meter hohe Dosen tödlicher Strahlen aus. „Ich würde ja gerne schreiben. Aber ich kann nicht.“

Bei meinem ersten Buch – „Panikrocker küsst man nicht“ – hatte ich keine einzige Blockade. Manchmal glaube ich ernsthaft, dass ich das Buch „gechannelt“ habe! Es ist ein wahres Wunder!

Bachmann Panikrocker 3Jetzt würde ich natürlich als Leser/in wissen wollen, wie man mit Schreibblockaden umgeht oder sie „durchsteht“. Ehrlich gesagt möchte ich das selbst gerne wissen. Ich habe noch keine wirklich hilfreiche Antwort gefunden. Obwohl ich schon viel ausprobiert habe. (In meinem Bücherregal tummelt sich einige Literatur dazu). Es ist, als ob das Gehirn plötzlich einen verwöhnten, störrischen Esel beherbergt, den man mit Mohrrüben nicht mehr locken kann. Ich versuche es mit Pralinen (Achtung, Gewichtszunahme!). Und ich gebe ihm Auslauf an der Isar (Achtung, Sauerstoff-Flash!). Ich gebe ihm Schlaf (sehr gefährlich: Trübsinnsgefahr!) und ich lasse ihn ein wenig im Internet surfen (pures Gift). Nach all diesen Versuchen, den störrischen Esel zum Laufen zu bringen – und es passiert genau in der Reihenfolge –, versuche ich es irgendwann nach Klagen und Jammern mit der sogenannten „spielerischen Disziplin“. Ich sage mir: „Ich muss gar nichts, ich muss nur irgendwann sterben.“ Der Esel in meinem Kopf seufzt wohlig auf. „Es geht um nichts, es geht nur um ein Buch.“ Und dann mal ich mir in den herrlichsten Farben aus, was passieren würde, wenn ich nie, nie wieder auch nur ein Wort schreiben würde. „Arbeitslosigkeit, Armut, unter der Brücke pennen, Gehirnaustrocknung, Blamage, endlose Langeweile, Gehirnfolter, weil die Geschichten nicht rauskommen, Tod durch Platzen wegen Fettsucht aus Frust, Depression, Neid und Missgunst, aber auch viel Freizeit.“

Ich bemerke erstaunt, dass ich trotzdem nicht von unserem blauen Planeten fallen und dieser sich einfach weiter drehen würde. Was für eine Entlastung! Das gefällt sogar – manchmal, manchmal – dem störrischen Esel in meinem Kopf. Und er macht „i-a“ und fragt schüchtern nach einer Mohrrübe.

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