Tanja Wekwerth, eine Tasse Kaffee und ein Spatz …

27. Dezember 2014
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Tanja_Wekwerth-(c)-privatKleine Rituale und Fetische beim Schreiben: Blogger und Rezensenten fragen einen häufig danach, und weil man bemüht ist, möglichst originell zu antworten, erzählt man etwas über entzückende kleine Porzellan-Figürchen, die man in den Achtzigern auf einem Pariser Flohmarkt erstanden hat und die auf dem Schreibtisch stehen müssen, weil man sonst kein Wort zu Papier bekommt. Des Weiteren geht es um Walgesänge, das Foto der Kinder, den Strauß frischer Blumen, die schnurrende Katze, das Autogramm von Steven King, die Werke von Virginia Woolf etc. etc. etc.

Um ganz ehrlich zu sein: Nichts davon ist mir wichtig und (bis auf die Katze, die ich nicht besitze) stauben einem die Dinge ja auch bloß ein.

Was ich brauche ist: Stille und Kaffee.

Sehen Sie. So einfach ist das. Sobald das letzte Familienmitglied die Haustür hinter sich zugeschmissen hat und der Kaffee in der Tasse dampft, lege ich los, schreibe ganze Seiten voll, nur hochkarätiges Zeug natürlich, ich mache Deutschlands Lektoren arbeitslos, ich bin hochmotiviert, jeden Tag aufs Neue … ich bin … Sind die Blogger noch da?

Nein?

Prima, dann kann ich ehrlich sein. Der Satz müsste eigentlich so lauten: Sobald das letzte Familienmitglied die Haustür hinter sich zugeschmissen hat und der Kaffee in der Tasse dampft … starre ich auf die Tastatur, habe Lust auf Schokolade und das Gefühl, mutterseelenallein auf der Welt zu sein. Wo sind die Leser, die Blogger, die Buchhändler? Und wo, verdammt noch mal, sind die Protagonisten?

Ich trinke einen Schluck Kaffee und sage mir, dass mir ein kleines Ritual gut tun würde, um mich zu motivieren. Also öffne ich das Fenster (Vogelgesänge sind bestimmt anregend), mache drei Kniebeugen, trinke noch einen Schluck Kaffee, setze mich wieder hin und schreibe: „An diesem Morgen hatte Emily das Gefühl, dass ihr Großartiges bevorstehen würde.“

Toll. Es klappt. Selbstzufrieden klopfe ich mir auf die Schulter. Dann frage ich mich, ob ich Emily nicht besser mit ie schreiben sollte und ob Emily überhaupt ein guter Name ist und was dieser Emily eigentlich so Großartiges passieren soll.

Puh!

Wekwerth-Esthers_Garten-3Nach einem weiteren Schluck Kaffee ist die Tasse leer. Das muss natürlich sofort geändert werden. Und dieses Vogelgezwitscher macht mich auch nervös. Sind das Spatzen, die da so zetern? Ich gebe Spatz in die Suchmaschine ein. Der Spatz ist ein Haussperling und hat sich vor über 10.000 Jahren dem Menschen angeschlossen. Na, das ist doch interessant. Dieses kostbare Wissen könnte ich vielleicht irgendwie in Emilys/Emilies Schicksal mit einbauen. So ist das beim Schreiben: Man muss den Geschehnissen ihren Lauf lassen. Im flow sein. Wunderbar, wunderbar.

Totally im flow hole ich mir frischen Kaffee aus der Küche, räume nebenbei noch schnell die Spülmaschine aus und rufe Schokolade essend meine Schwiegermutter an, denn das ist überfällig. Eine Stunde später sitze ich schon wieder am Schreibtisch.

Wie war das noch mit Emily und dem Vogel? Ich seufze. Und fühle mich wieder so allein. Ich sollte rasch mal bei Facebook reingucken. Es gab da einige Freundschaftsanfragen zu beantworten und wie wichtig social networking ist, pfeifen ja die Spatzen von den Dächern. Nicht umsonst haben sie sich vor über 10.000 Jahren den Menschen angeschlossen.

Oooh, auf der Startseite ist ja jede Menge los. Was für ein süßes Foto (like), was für ein dämlicher Beitrag, den muss ich gleich mal kommentieren und eigentlich sollte ich auch mal wieder etwas posten. Ich könnte die Welt da draußen fragen, was sie von dem Vornamen Emily hält. Ja, das ist eine gute Idee, und dann schnell wieder zurück zu meinem Text.

Emily sollte ans Fenster treten und … einen Haussperling erblicken.

Ich stehe auf und trete ans Fenster. Und was erblicke ich? Meinen Hund, der im Gemüsebeet sein Geschäft verrichtet. Irgendwie kommt mir das so brutal bildhaft vor. Ich rase nach unten, schimpfe den Hund aus und gehe mit ihm spazieren.

Ein kleiner Gang durch den Wald wird mich inspirieren. Autorengehirne arbeiten nämlich immer, auch wenn es so aussieht, als würden wir fernsehen, schlafen oder Schuhe kaufen, eigentlich sind wir immer bei der Arbeit. Angeregt observieren wir unser Umfeld, aspirieren die Welt, das Leben, das Universum, werden eins mit ihm und … wissen Sie was? Ich schreibe morgen weiter. Man kann den kreativen Fluss nicht manipulieren und wer weiß, was für einen Samen die gute Emily/Emilie gesät hat. Morgen geht’s weiter im Text. Hochmotiviert. Versprochen. Mit Stille und Kaffee.

Dass am Ende gar keine Emily vorkommen wird, sondern ein Zwillingspärchen namens April und May, hat sich dann erst viel später herausgestellt. Haussperlinge gibt in meinem Roman „Mitternachtsmädchen“ auch nicht, dafür Klippen und das Meer. Aber das ist ja gerade das Spannende am Schreiben: Man weiß nie, wohin das Ganze führt.

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