Timothy Sonderhüsken über seine Arbeit als Lektor – Teil 2

10. Oktober 2014
dotbooks

Timdotbooks-Programmleiter Timothy Sonderhüsken im Interview mit der Buch-Community mystorys.de – Teil 2: 

mystorys.de: Gut, ich bin also der Meinung, mein Manuskript sei so weit. Zurzeit tut sich einiges in der Literaturbranche, für Autoren werden die Möglichkeiten, ihr Werk an die Leser zu bringen, vielfältiger. Warum sollte ich den Weg in den Verlag suchen, der doch oft viel Geduld und Arbeit erfordert und noch dazu nur selten von Erfolg gekrönt ist? Gibt es Fälle, in denen sogar Sie als Verlagslektor einen alternativen Veröffentlichungsweg empfehlen würden?

Timothy Sonderhüsken: Es gibt neuerdings immer wieder die Frage, ob man Verlage überhaupt noch braucht. Ich habe dazu eine sehr eindeutige Meinung, aber das ist natürlich keine allgemeingültige Antwort. Jeder Autor sollte sich grundsätzlich die Frage stellen, warum er bei einem Verlag veröffentlichen möchte – und ob überhaupt.

Verlage leisten sehr viel für ihre Autoren, aber sie behalten sich auch das Recht vor, manche Entscheidungen alleine zu treffen. Autoren, die es zu schätzen wissen, ab einem gewissen Punkt die Verantwortung an Profis abzugeben, fahren damit gut – Autoren, denen es wichtig ist, jeden Schritt zu kontrollieren, werden damit sicher nicht glücklich.

Es ist natürlich auch eine Zeit- und Kostenfrage. Möchte man sich als Verlagsautor auf das Schreiben konzentrieren – oder möchte man sich als Selfpublisher zeitintensiv auch um alle anderen Schritte des Produktionsprozesses kümmern: Will man selbst in Vorleistung gehen und eine Redaktion, ein Korrektorat, ein Cover finanzieren? Und wie viel kostet eigentlich die eigene Zeit, welchen Stundenlohn möchte man sich selbst zugestehen?

Auf den ersten Blick ist es so: Im Selfpublishing verdient der Autor, wenn man sich die reinen Prozentbeteiligungen am Verkaufspreis ansieht, deutlich mehr. Dafür bezahlt der Verlag aber viele Experten und Profis, kümmert sich um die Redaktion, das Cover, die Herstellung, den Vertrieb, die Presse, das Marketing, die Abrechnung. Wieder muss man sich fragen: Will ich diese Dienstleistungen in Anspruch nehmen, und wenn ja, bin ich bereit, dafür indirekt zu bezahlen, indem ich weniger an jedem verkauften Exemplar verdiene?

Eine erfolgreiche Selfpublishing-Autorin hat mir einmal gesagt: „Sie können als Verlag nichts für mich tun, was ich nicht genauso gut selbst kann.“ Diese Einstellung kann man haben, und der Erfolg hat der Dame bisher recht gegeben. Solche Geschichten verbreiten sich in der Autorenszene und den Medien natürlich in Windeseile – es spricht aber niemand über die unzähligen Autoren, deren Bücher keinen Erfolg hatten. Und das muss nicht nur auf Inhalt oder Cover zurückzuführen sein oder auf das Marketing, das die Autoren für sich selbst gemacht haben, sondern kann ganz einfach auch am Vertriebsweg gelegen haben. Weswegen ich meinen Autoren immer sage: „Ein Lektor ist nicht unwichtig, um aus einem Manuskript ein marktfähiges Produkt zu machen – aber viel wichtiger für den Erfolg oder Misserfolg ist eine gute Vertriebsmannschaft.“ Wir bei dotbooks stellen zum Beispiel fest, dass der Markt für eBooks deutlich heterogener ist als der für gedruckte Bücher, und es daher noch wichtiger ist, intensiv mit den einzelnen Verkaufsplattformen zusammen zu arbeiten.

Zugegeben, ich bin nicht unvoreingenommen. Trotzdem würde ich mir als Autor immer einen klassischen Verlag suchen – es sei denn, es kommt einem nicht vordergründig auf die große Verbreitung an. Wenn man zum Beispiel seine Familiengeschichte aufschreiben möchte, um sie für die Kinder zu bewahren, ist es sicher einfacher, dies im Selfpublishing zu tun. Und natürlich ist Selfpublishing eine Möglichkeit für all diejenigen, die – aus welchem Grund auch immer – keinen klassischen Verlag gefunden haben; ein „Plan B“ sozusagen.

Zusammenfassend kann mal also sagen: Es gibt Autoren, die sind im Selfpublishing besser aufgehoben. Und es gibt Autoren, die sich in einem klassischen Verlag wohler fühlen. Beides hat seine Vor- und Nachteile.

mystorys.de: Wenn ich mich nun entschieden habe, mein Manuskript Ihrem eBook-Verlag anzuvertrauen, wie gehe ich es an? Sollte das komplette Manuskript vorliegen? Bewerbe ich mich mit Exposé und Leseprobe? Was muss ich sonst noch beachten? Und vor allem: Erreicht mein Manuskript Sie besser direkt oder auf dem Umweg über eine Literaturagentur?

Timothy Sonderhüsken: Als unbekannter Autor sollte man sich meiner Meinung nach nicht nur mit einem Exposé und einer Leseprobe bewerben; man sollte schon das komplette Manuskript geschrieben haben, um es bei Interesse sofort vorlegen zu können. Ansonsten liest der Lektor den vorliegenden Text, kann aber noch keine finale Entscheidung treffen – denn es fehlen die Erfahrungswerte, ob der Autor den Stil beibehält, ob er vielleicht zwischendurch die Lust an der Geschichte verliert, ob er in der Lage ist, die Spannung im kompletten Text aufrecht zu halten. Mich stört so eine Unsicherheit immer … aber auch hier gilt: Jeder Verlag und jeder Lektor sind anders.

Ein Literaturagent ist auf jeden Fall eine sehr gute Idee – denn die Profis kennen das jeweilige Genre, die Branche und die in Frage kommenden Lektoren und können das Projekt daher deutlich zielsicherer anbieten. Gute Agenten machen es außerdem Verlag und Autor leichter: Sie vermitteln, wenn es Probleme gibt, und helfen beiden Seiten mit ihrer eigenen Erfahrung weiter.

Ein Agent kann den Autor außerdem gut beraten – denn er weiß in der Regel, wonach Verlage gerade suchen und wonach nicht, was im Ausland bereits erfolgreich ist und welcher Trend deswegen auch bald auf den deutschen Markt übergreifen wird.

Ganz egal, ob man sein Projekt einem Agenten oder einem Verlag anbietet: Man sollte sich als Autor vorher informieren, ob die jeweiligen Ansprechpartner auch wirklich zum eigenen Projekt passen. Wenn man einen Science-Fiction-Roman geschrieben hat, muss man es keinem Agenten schicken, der dies bereits auf seiner Website ablehnt – genauso wenig sollte man einem Verlag Lyrik anbieten, der keinen einzigen Gedichtband im Programm hat. Die meisten Verlage und viele Agenturen sagen auf ihren Websites schon recht konkret, was sie suchen und wie sie es angeboten bekommen möchten. Wenn nicht, kann man dies telefonisch oder per Mail in Erfahrung bringen.

Wichtig ist: Die Suche nach einem Agenten oder Verlag sollte man genauso ernsthaft und professionell betreiben wie die Suche nach einem neuen Job – also professionell, kompetent und freundlich auftreten, die eigenen Stärken unterstreichen, aber nicht mit Superlativen um sich werfen oder eine zu persönliche Ansprache wählen. Ich habe neulich eine Mail bekommen, in der ein Autor schrieb: „Hey, Tim, wir kennen uns ja über Facebook, deswegen schick ich dir jetzt einfach mal meinen Roman – kannste sicher einen Bestseller draus machen *grins*.“ Muss ich erwähnen, dass ich den Mann nicht „kannte“ (er hatte bisher nur unsere Facebookseite „geliked“)? Dass so etwas keinen guten ersten Eindruck hinterlässt, versteht sich eigentlich von selbst … Natürlich lehnt man einen Autor nicht wegen eines solchen Anschreibens ab. Aber bei der Masse an Projekten, die täglich angeboten werden, sollte man versuchen, positiv aufzufallen, nicht negativ.

Und zuletzt sei gesagt: Man sollte als Autor wählerisch sein. Wichtig ist, dass man sich bei seinem Agenten und seinem Verlag wohlfühlt. Denn dann kann man auch gut zusammenarbeiten, wenn es mal Probleme geben sollte – weil einfach die Basis stimmt.

mystorys.de: Wenn jetzt mein Manuskript bei Ihnen angekommen ist, auf welch verschlungenen Pfaden auch immer, was müsste mein Werk ausmachen, damit Sie es für ein besonders gelungenes halten?

Timothy Sonderhüsken: Ein Text – ob nun Roman oder Memoire, Kurzgeschichte oder Novelle – ist dann gut, wenn er eine spannende, mitreißende, emotional überzeugende Geschichte auf dazu passende Art erzählt (also keine moderne Umgangssprache im historischen Roman, keine komplex gebauten Bandwurmsätze, wenn eine sommerleichte Liebesgeschichte erzählt werden soll). Wenn die Figuren nicht nur agieren, sondern leben. Wenn man schon nach den ersten Sätzen so neugierig ist, dass man unbedingt weiterlesen will. Und wenn man am Ende genau weiß: „Daran werde ich mich gerne erinnern.“

Das sind nun natürlich subjektive Entscheidungskriterien – was dem einen gefällt, lässt den anderen kalt, und umgekehrt –, und tatsächlich wäre es gelogen, wenn man behaupten würde, dass über die Annahme eines Projektes rein objektiv entschieden wird. Ein Projekt muss einfach etwas haben, was den Lektor fesselt, dann kommt alles andere von allein. Und wenn es genau das nicht hat, dann sollte man auch die Finger davon lassen.

Was umgekehrt aber genauso gilt: Man sollte als Autor nicht mit einem Projektvorschlag an einen Verlag herantreten, dessen Programm man nicht mag, und nicht mit einem Lektor arbeiten, den man insgeheim wenig sympathisch findet.

mystorys.de: Und welche Qualitäten schätzen Sie besonders am Autor/an der Autorin selbst, sowohl hinsichtlich der schreiberischen Fähigkeiten als auch in Bezug auf die Lektoratsarbeit mit ihm oder ihr?

Timothy Sonderhüsken: Ich mag Autoren, die in ihren Geschichten leben – aber auch wissen, dass es manchmal notwendig ist, noch an bestimmten Punkten zu feilen.

Teil 3 des Interviews mit Timothy Sonderhüsken folgt in Kürze.

Vielen Dank für das Interview an mystorys.de!

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