Timothy Sonderhüsken über seine Arbeit als Lektor – Teil 3

6. November 2014
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mystorys.de: Man hört und liest ja manchmal wahre Horrorgeschichten, was Lektoren aus den Werken von Autoren machen. Wie kompromissbereit muss ich als Autor tatsächlich sein, wenn ich mein Manuskript in Ihre Hände gebe?

Timothy Sonderhüsken: Als Lektor kenne ich eher die Horrorgeschichten, wie ein Autor sich gesträubt hat, seinen Text redigieren zu lassen, oder wie ein Bestsellerautor mit vier Monaten Verspätung ein Manuskript abgeliefert hat, das misslungen ist – es kommt also immer auf die Perspektive an …

Aber Spaß beiseite: Ein Lektor macht Vorschläge, keine Vorschriften. Er hilft seinem Autor dabei, das Beste aus seinem Text herauszuholen. Das kann für den Autor schmerzhaft sein („Ich will aber nicht, dass XY stirbt!“ – „Ich will das auch nicht, aber deine Leser werden es lieben …“), aber das gehört dazu. Ein „guter“ Lektor ist außerdem in der Lage, sich bei seinen Korrekturen dem Stil und der Sprache des Autors anzupassen; das Buch soll ja am Ende nach dem Autor klingen, nicht nach seinem Lektor.

Ganz wichtig ist: Beide Seiten sollten gesprächsbereit sein und ergebnisoffen in die Redaktion und die Abstimmung darüber gehen. Ein „guter“ Lektor weiß, was er zu tun hat, wie er es zu tun hat und wie weit er gehen kann. Ein „guter“ Autor hängt nicht an jeder Formulierung, kann das Ablehnen eines Vorschlags begründen und vertraut seinem Lektor. Und letztendlich ist auch dies alles eine Frage der Chemie; wenn man sich mag, geht alles leichter, als wenn man sich von Anfang an kritisch beäugt.

Es gibt Autoren, die arbeiten gerne und seit vielen Jahren mit mir zusammen – es gibt Autoren, die schon nach dem ersten Projekt nichts mehr mit mir zu tun haben wollten. Ein gutes Autor-Lektor-Verhältnis entsteht nicht von heute auf morgen, das ist ein andauernder Prozess. Und im Idealfall läuft es so, wie Danielle Steele es mal in einem Interview gesagt hat: „Writing without my editor is like dressing in the dark.“

mystorys.de: Wie darf ich mir den Lektoratsprozess vorstellen? Wie würde die Zusammenarbeit mit Ihnen aussehen?

Timothy Sonderhüsken: Das kommt auf das Projekt an – und auf jeden Lektor. Es gibt diejenigen, die sehr ausführlich Wege erklären, ohne konkret zu sagen, was der Autor tun sollte; es gibt andere, die lieber konkret am Text arbeiten; wieder andere sehen ihre Aufgabe nur darin, den sprachlichen Feinschliff zu machen.

In der Regel gebe ich erst einmal ein detailliertes Feedback. Ich bin ein großer Verfechter davon, dies schriftlich zu tun und – auch wenn das jetzt bürokratisch klingt – die einzelnen Punkte durchzunummerieren. Eine Autorin rief mich daraufhin einmal an und fragte: „Mein Roman hat 300 Seiten, von dir habe ich jetzt aber eine Liste mit fast 400 Anmerkungen bekommen – ja, geht’s noch?“ Tatsächlich mochte ich sowohl die Autorin als auch das Projekt sehr gerne, aber es gab eben recht viel, was ich ihr beim ersten Durchgang schon mit auf den Weg geben wollte, von kleinen stilistischen Feinheiten à la „Ein Satz, in dem dreimal das Wort stattdessen vorkommt, ist nicht schön“ über allgemeine Überlegungen („Wenn die Figur reich und verwöhnt aufgewachsen ist, wird sie in der Regel nicht auf die Idee kommen, dieses und jenes zu tun.“) bis hin zu größeren Ideen wie „Wenn man aus X eine Frau macht, funktioniert der Konflikt noch besser, als wenn X weiterhin ein Mann bleibt“.

Ich mag dieses „Auflisten“, weil der Autor erst einmal in Ruhe lesen kann, was ich mir gedacht habe, er dies „verdauen“ und sich seine eigenen Gedanken machen kann. Und wenn man dann spricht, kann er zielsicher sagen: „Also, Punkt 1 bis 8 sehe ich wie du, über 9 diskutiere ich nicht, das muss so bleiben, 10 bis 14 werde ich überarbeiten, aber anders, als du es vorschlägst, 15 habe ich nicht verstanden, können wir darüber sprechen?“

Wenn es dann zur eigentlichen Textarbeit kommt, gibt es verschiedenste Möglichkeiten: Bei manchen Autoren begründe ich jeden redaktionellen Eingriff, weil ich weiß, dass sie diese Art der Auseinandersetzung wünschen; es gibt andere, da weiß ich, dass wir uns „blind“ verstehen. Wichtig ist, dass man sich als Lektor und Autor darüber verständigt, wie man vorgehen möchte.

mystorys.de: Schön, jetzt habe ich es sozusagen hinter mir. Aber hätte ich als Neuautor tatsächlich eine Chance? Wie viele der eingesandten Manuskripte landen schließlich tatsächlich im Buchhandel? Suchen Sie überhaupt noch nach neuen Autoren?

Timothy Sonderhüsken: Jeder Verlag sucht immer nach neuen Autoren, es sei denn, er hat vor, seinen Geschäftsbetrieb bald einzustellen. Autoren dürfen aber nicht vergessen, dass die Verlagsbranche kein Streichelzoo ist, sondern ein knallhartes Geschäft: Als Lektor muss man abwägen, mit welchem Projekt man Geld verdienen kann, für welche Geschichte man in monetäre Vorleistung gehen will – und für welches Projekt man so brennt, dass man dafür einen Teil seiner sehr knapp bemessenen Zeit opfern möchte.

Gerüchteweise wird in Autorenforen manchmal über die „Arroganz“ der Verlage und Lektoren gewettert: „Mit welchem Recht erdreisten die sich, mein Buch abzulehnen?“ Natürlich verstehe ich, dass es enttäuschend ist, wenn man statt einer Zusage eine Ablehnung bekommt. Und dass die Enttäuschung wächst, wenn dies häufiger passiert. Aber ein Verlag kann nun einmal nicht jedes Buch veröffentlichen.

Ein Lektor kann auch nicht jedem Autor eine persönliche Rückmeldung geben – würde er das tun, dann hätte er keine Zeit mehr, sich um die Bücher zu kümmern, die der Verlag angenommen hat.

Leider dauert es manchmal auch sehr lange, bis man als Autor eine Zu- oder Absage bekommt. Das hat nichts mit Desinteresse zu tun; im normalen Berufsalltag bleibt in der Regel einfach keine Zeit für das Prüfen von Projekten und Manuskripten, das wird auf den Abend oder das Wochenende verschoben … und irgendwann ist selbst die „Duracell“-igste Lektorenbatterie leer und muss aufgeladen werden.

Was man außerdem nicht vergessen darf: Es wird weniger gelesen als früher, weil es so viel anderes gibt, mit dem man sich in der immer knapperen Freizeit beschäftigen kann. Auch die Buchbranche hat sich grundlegend geändert. Das, was man früher als „verlässliche Midlist“ bezeichnet hat – die „kleinen“ Bücher, die ihre Kosten eingespielt haben, ohne jemals auf der Bestsellerliste zu landen –, ist bei fast allen Verlagen weggebrochen. Aber genau davon haben sie gelebt, denn mit Bestsellern kann man wegen der hohen Garantien und Werbebudgets oft erst ab einer sehr hohen Verkaufsauflage Geld verdienen.

Warum die Midlist weggebrochen ist? Buchhändler gehen auf Nummer sicher und nehmen vor allem die Bücher ins Sortiment, bei denen sie – vermeintlich – sicher sein können, dass sie Käufer finden. Aber auch Leser kaufen lieber „das sichere Buch“, das seinen „Wert“ schon bewiesen hat, weil es auf der Bestsellerliste steht, als das „Experiment“ von einem unbekannten Autor. Nun mag der einzelne Leser dieses Interviews empört aufschreien: „Stimmt ja gar nicht, ich mache das nicht und alle meine Freunde machen das auch nicht.“ Das mag sein. Aber die Verkaufszahlen zeigen, dass ein Großteil der Leser nun einmal anders denkt.

Der wichtigste Rat, den man deswegen einem Menschen geben kann, der überlegt, ein Buch zu schreiben, ist: „Schreib nicht, weil du damit irgendwann deinen Lebensunterhalt bestreiten möchtest. Schreib nicht, weil du dafür geliebt oder bewundert werden möchtest. Schreib nicht, weil du glaubst, dass du für deine investierte Zeit und Kreativität eine angemessene Gegenleistung bekommen wirst.“ Sondern: „Schreib, weil es dir ein Bedürfnis ist. Schreib, weil Geschichten in dir stecken, die du einfach rauslassen musst. Schreib, weil es dich glücklich macht. Denn dann hat man als Autor schon gewonnen – und alles, was noch kommt, ist ein zusätzlicher Gewinn.

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