Verlagsgeschichten: Große Sprünge

2. Januar 2017
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Blog Illustration für VerlagsgeschichtenUnser Programmleiter Timothy Sonderhüsken arbeitet seit 1991 in der Verlagsbranche – und hat darum schon einiges erlebt. Was er besonders an seinem Job liebt? Das immer noch jeder Tag eine Überraschung für ihn bereit hält. So wie diese hier …

 

Das Telefon klingelt. Beziehungsweise: Es klingelte …
Eine meiner Lieblingsgeschichten (hier vielleicht auch schon mal erzählt, aber da ich gerade mit einer Kollegin darauf zu sprechen kam, platzt sie nun auch hier wieder aus mir raus):

Vor vielen Jahren – das Internet war etwas, von dem man schon mal gehört hatte, von dem aber nicht klar war, ob es sich durchsetzen würde – landete ein Leserbrief auf meinem Tisch. Da ich wusste, dass die Kollegin, für die er eigentlich gedacht war, sich mit der Beantwortung keine besondere Mühe geben würde – es ging um Schreibfehler in einem historischen Liebesroman –, schrieb ich der Dame einen Brief (für die Jüngeren unter uns: das ist sowas wie eine eMail, aber mit ohne Internetversand).
Die rief dann prompt an, bedankte sich für die Rückmeldung und wir kamen ins Schwatzen, zumal uns sofort verband, dass wir oft Schwierigkeiten haben, uns Titelformulierungen zu merken. Ich empfahl ihr ein paar andere historische Romane.

Sie: „Das sind aber keine Liebesgeschichten?“
Ich: „Nö. Aber mir haben sie gut gefallen.“
Sie: „Dann schaue ich da mal rein in der Buchhandlung. Aber wissen Sie, die Verkäuferin da ist immer ein bisschen schnippisch, weil ich eben meistens die historischen Liebesromane lese.“
Ich: „Dann gehen Sie in eine andere Buchhandlung. Eine gute Buchhändlerin ist Gold wert, kümmert sich um die Lesewünsche ihrer Kunden und kann darüber hinaus Bücher empfehlen, auf die man selbst nie gekommen wäre.“
Sie: „Ja, meinen Sie?“
Ich: „Da bin ich sogar ganz sicher.“

Einige Zeit später rief die Dame mich wieder an: „Ich wollte mich einfach mal melden.“ Sie kommentierte einige meiner Lesetipps („Das eine war toll, das andere … naja, wenn es Ihnen gefallen hat …“), erzählte von ihrer neuen Lieblingsbuchhändlerin und davon, dass die sie nun tatsächlich immer mal wieder dazu verführt, ihr angestammtes Genre zu verlassen.

Ich: „Und das gefällt Ihnen?“
Sie: „Ja, das ist spannend, ein paar Sachen waren wirklich toll. Gerade habe ich DIE HERRIN VON … hmmm … genau, von HAY gelesen, sehr schön, und davor dieses … wie heißt es noch … irgendwas mit Salz auf der Haut. Alles Tipps von meiner Buchhändlerin. Nur das mit dem Teufel, das fand ich komisch.“

Ich: „Was für ein Teufel?“
Sie: „Ach, Sie wissen schon, das ist ganz bekannt.“
Ich: „Hmmm …“
Sie: „Meine Buchhändlerin meinte, ich sollte das mal probieren, das sei etwas ganz anderes als sonst, aber eins ihrer Lieblingsbücher. Ich finde das auch wirklich gut geschrieben. Nur diese Hauptfigur, nein, mit der bin ich einfach nicht warm geworden. Aber schreiben kann der Autor, und berühmt ist er ja auch. Mal schauen, ob ich da noch mal in ein anderes Buch reinsehe.“Ich – in Gedanken allerlei Romane mit Teufeln durchgehend: „Über wen genau reden wir denn?“
Sie: „Ach, das kennen Sie sicher … wie heißt das noch … ach ja, Mephisto.“

Bis heute trage ich diese Geschichte in meinem Lektorenherzen – von wilden Wikingern zu Klaus Mann ist es vermutlich ein wirklich großer Sprung. Aber manchmal eben auch nicht, wenn man als Leser neugierig bleibt.

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