Simon Wasner im Interview

23. März 2018
dotbooks

Wasner, Mein Leben und andere Reinfälle 1„Es scheint nicht so schwer zu sein, Sektenmitglieder zu gewinnen“

Ein Gespräch mit Simon Wasner über den Lesestoff seiner Oma, Bücher mit Nachhall und seinen Roman MEIN LEBEN UND ANDERE REINFÄLLE.

In Ihrem Roman MEIN LEBEN UND ANDERE REINFÄLLE erklären Sie plausibel, wie man eine Sekte gründen könnte – wäre das ein Karrieremodell für Sie?

Simon Wasner: „Als hauptberuflicher Lehrer, der unter anderem Religion unterrichtet, bin ich sozusagen lehrplanmäßiger Kinder-vor-Sekten-Warner. Einen persönlichen Bezug hat das Thema dann vor ungefähr zehn Jahren für mich bekommen, als ein eigentlich recht intelligenter Bekannter mit leuchtenden Augen von einem offensichtlich hochgradig bescheuertem ‚Erweitere-deine-Psyche-Treffen‘ kam. Ich dachte: ‚Wow. Das ging ja schnell. Scheint wohl nicht so schwer zu sein, Sektenmitglieder zu gewinnen.‘ Das war für mich der Startschuss, mich intensiver damit auseinanderzusetzen – sowohl mit den dunklen als auch den eigentlich auf der Hand liegenden aberwitzigen Seiten der Menschenfängerei.“

Wasner, Mein Leben und andere Reinfälle 3Ein weiteres wichtiges Thema in Ihrem Roman ist die scheinbar heile Welt der Schlager und Volksmusik. Warum interessiert Sie diese?

Simon Wasner: „Jeder kennt doch sicherlich aus Zeitschriftenläden am Bahnhof diese unzähligen Adels- und Volksmusikmagazine, auch wenn diese heute vor allem der Helene-Fischer-Berichterstattung zu dienen scheinen. (Zwischenzeitlich bin ich verwirrt, ob sie inzwischen schon den schwedischen Thron bestiegen hat und das dritte Kind von Prinz Harry erwartet …) Meine Oma hatte sie früher alle, und wenn ich alle sage, dann meine ich alle zwanzig, die es damals gab. Und ja, ich habe sie gelesen! Daher muss ich, obwohl ich die Musik ganz furchtbar finde, dennoch eine Lanze für sie und ihre Fans brechen: Ja, Schlager und Volksmusik sind für mich bescheuert, aber nicht bescheuerter als irgendeine andere Musikrichtung, einschließlich meiner geliebten und vermutlich ebenso peinlichen Deutschrap-Welt. Spannend wird das Thema ja auch erst, wenn Anhänger von diesem oder jenem den Bezug zur Realität verlieren und in ihrer Begeisterung für Schlager oder Rap oder Volksmusik oder Adelsgeschlechter auf ganz schön verrückte Dinge kommen – und davon erzähle ich in meinem Roman.“

Martin, die Hauptfigur in MEIN LEBEN UND ANDERE REINFÄLLE, ist ein echter Chaot – warum mögen Sie ihn trotzdem?

Simon Wasner: „Ja, ich mag ihn, auch wenn er alles falsch macht, was man falsch machen kann. Im Grunde seines Herzens wollte Martin vermutlich nie, dass die Dinge dermaßen aus dem Ruder laufen und er mir nichts dir nichts eine irre Alien-Sekte aus dem Boden stampft. Bei ihm ist es im Grunde nur ein einziger blöder Fehler, der dafür sorgt, dass sein ganzes Leben den Bach runter geht. Aber zu seiner Verteidigung: Solche Fehler würde ich wahrscheinlich auch machen, wenn ich jeden Tag über Volksmusik-Könige wie Fabian Hufschmitt schreiben müsste … Mir hat es beim Schreiben jedenfalls viel Spaß gemacht, Martin von einem Chaos ins nächste taumeln zu lassen, und ich freue mich, wenn Leser mir heute sagen, dass sie sich darüber herrlich amüsiert haben.“

Wasner, Mein Leben und andere Reinfälle 2Gibt es in MEIN LEBEN UND ANDERE REINFÄLLE eine (Neben-)Figur, die Ihnen besonders am Herzen liegt? Wenn ja, warum, wenn nein, warum nicht?

Simon Wasner: „Wahrscheinlich Luther, den Kollegen meines Protagonisten Martin, der mit Hingabe und Wurstfingern das Klischee eines Durchschnittsversagers gibt. Im Gegensatz zu Martin ist er vermutlich sogar die sympathischere Figur, weil er sich mit dem, was er hat, zufriedengibt und nie denkt, er sei zu etwas Höherem bestimmt. Leider macht ihn das natürlich auch zu einem Spielball von Menschen wie seinem fiesen Chef, was er definitiv und ungeachtet seiner stinkenden Pausenbrote nicht verdient hat.“

Ihr Buch ist eine rasante Komödie mit viel schwarzem Humor – warum sollte man es Ihrer Meinung nach lesen?

Simon Wasner: „Ich habe dieses Buch vor allem deswegen geschrieben, weil es mir selbst Spaß gemacht hat. Ich lese gerne originelle, auch abgedrehte Geschichten, die überraschen. Die vielen, vielen preisgekrönten Tausend-Seiten-Wälzer über dysfunktionale Familien oder dunkle Vergangenheiten, die ich in meinem Leben bisher gelesen habe, mögen sicher gut geschrieben gewesen sein, aber im Gedächtnis sind sie mir nicht geblieben. Das waren stattdessen Bücher mit unverwechselbarem Inhalt, die es trotz oder vielleicht wegen ihrer Komik geschafft haben, zwischendrin auch ernstere Töne anzuschlagen. So etwas wollte ich mit MEIN LEBEN UND ANDERE REINFÄLLE auch schaffen – und bin deswegen stolz auf jede einzelne begeisterte Rezension!“

Das Interview führte Timothy Sonderhüsken, Programmleiter dotbooks.

Simon Wasner © privat

Simon Wasner © privat

Über den Autor:

Simon Wasner, Jahrgang 1987, studierte Lehramt in Freiburg, Basel und Rennes. Er unterrichtet Deutsch, Geschichte, Psychologie und Religion an einem Gymnasium in Baden-Württemberg und versucht in seiner Freizeit, sein Umfeld von der literarischen Qualität von Raptexten zu überzeugen – meist vergeblich. Ein Volltreffer ist dagegen sein Romandebüt MEIN LEBEN UND ANDERE REINFÄLLE.

Der Autor im Internet: www.simonwasner.com

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