»Ein Roman ist kein Sachbuch.«

23. September 2022
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Ein Gespräch mit Bestsellerautorin Tanja Kinkel über ihre Recherchearbeit, skandalöse Familiengeschichten und ihr Vergnügen daran, tief in die Geschichte einzutauchen.

Ein Roman ist kein Sachbuch. Das heißt: Als Romanautorin bin ich nicht verpflichtet, über Dialog, Ansichten, Gefühle, die ich meinen Figuren andichte, eine Quelle anzuzeigen. Wir Romanautoren sagen von Anfang an nicht »So und nicht anders war es!«, sondern »So könnte es gewesen sein« und »Das ist die Geschichte, zu der die Historie meine Phantasie angeregt hat«: Da die Wirklichkeit immer viel, viel mehr Personal liefert, als man für einen Roman braucht, und meistens auch noch mit ähnlichen oder gar gleichen Namen, ist man als Verfasserin historischer Romane oft schon im Vorfeld damit beschäftigt, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was und wen man alles weglassen kann, ohne deswegen die gesamte historische Geschichte und deren komplexe Zusammenhänge zu zerstören … während man gleichzeitig überlegen muss, wie man fiktive Haupt- oder Nebenfiguren in die Handlung einbaut, die neben den historischen Persönlichkeiten bestehen können. Denn: ein Roman ist kein Sachbuch.

Andererseits heißt das ganz und gar nicht, dass für einen Roman keine Recherche notwendig wäre, und unter »Recherche« verstehe ich nicht, nur, zwei, drei Wikipedia-Einträge zu googeln. Natürlich kann das jeder halten, wie er möchte, aber für mich ist es wichtig, mich gründlich über die jeweilige Zeit und die Personen zu informieren, über die ich schreibe – herauszufinden, was für oft sehr widersprüchliche Fakten überhaupt bekannt sind, ehe ich entscheide, was ich verwende und was ich weglasse; das gilt übrigens für einen der Gegenwart nahen Stoff aus der Mitte des 20. Jahrhunderts genauso wie für einen, der zweitausend Jahre zurück liegt, nur, dass die Quellenlage natürlich oft sehr unterschiedlich ist.

Mir macht es Vergnügen, immer wieder erst einmal gedanklich auf Reisen zu gehen und mich wie eine Detektivin in unterschiedliche Epochen, Milieus, Personenkreise einzulesen, ehe ich dann – zumindest in vor-Pandemie-Jahren – auch tatsächliche Reisen zu den wichtigsten Handlungsorten meiner Romane mache. Außerdem hilft es mir dabei, mich in die Charaktere einzufühlen – soweit sie historisch sind – oder sie zu entwickeln, wenn sie erfunden sind: Für mich ist es wichtig zu wissen, wie ihr Alltag aussah, wie und was sie gegessen haben, was für Kleidung sie trugen, welche Musik sie liebten oder hassten, welche Bücher, Theaterstücke, Filme (in einem 20. Jahrhundert-Roman wie »Unter dem Zwillingsstern«), et cetera, et cetera.

Wenn ich einen Roman über eine konkrete historische Figur schreibe wie bei meinem Erstling, »Wahnsinn, der das Herz zerfrisst«, beginne ich mit Biographien über diese Person, schaue nach, was der Biograph an Quellen benutzt hat, und finde rasch heraus, ob es sogenannte »Primärquellen« gibt, also Briefe, Tagebücher, Memoiren. Dabei ist es für mich wichtig, dies nicht nur für die Hauptfigur zu tun: Wenn die betreffende Person Gegner hatte, kann es sehr, sehr aufschlussreich sein, ein Buch zu lesen, das die Perspektive dieser Kritiker zeigt. Bei Romanen, in denen erfundene Figuren im Mittelpunkt stehen, wie Richard Artzt in »Die Puppenspieler«, beginne ich mit Büchern über die Zeit und über Zeitgenossen, die sich in vergleichbaren Umständen bewegt haben oder in dem Roman ebenfalls auftreten sollen, in diesem konkreten Fall also die Fugger, Medici und Borgia.

Manchmal ist die Quellenlage auch so, dass man nur über die Biografien anderer Menschen etwas über die Person erfährt, die einen wirklich interessiert, weil es über diese noch kein Einzelwerk gibt. Das ist beispielsweise bei James Hemings der Fall, der Hauptfigur meiner Novelle »Ein freier Mann«: Der Grund, warum wir über James im Vergleich zu den tausenden anderen Sklaven und Freigelassenen seiner Zeit relativ viel wissen, ist der Mann, der den größeren Teil seines Lebens sein »Eigentümer« war – Thomas Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung und dritter Präsident der USA., damit eine der bestdokumentierten Personen seiner Ära. (Gezielt zu Jeffersons Sklaven und seinem Verhältnis zu ihnen wurde jedoch erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geforscht, und Annette Gordon-Reads Werk »The Hemingses of Monticello«, das sich mit vier Generationen der Familie Hemings bis zu Jeffersons Tod im Jahr 1826 beschäftigt, wurde erst 2008 veröffentlicht; Einzelbiographien von James Hemings gibt es bis heute nicht.)

Manche der Details, die ich durch die Recherche für meine Romane herausfand, konnte ich in das Manuskript einbauen, wie die acht Stunden, die Boris Karloff – und nach ihm meine Romanheldin Carla Fehr in »Unter dem Zwillingsstern« – für das vollständige Make-up als wandelnde Mumie in den Universal-Horrorfilmen der 1930er Jahre täglich in der Maske sitzen musste, oder den Umstand, dass Karloff, der mit bürgerlichem Namen William Pratt hieß, ein leidenschaftlicher Gewerkschaftler war und als Antwort auf die horrenden Arbeitsbedingungen Hollywoods die erste amerikanische Gewerkschaft für Filmschauspieler organisierte – nicht unbedingt das, was man mit Frankensteins Geschöpf, Karloffs berühmtester Rolle, assoziiert, oder?

Andere Details bereicherten zwar meinen persönlichen Wissensschatz, aber fanden keinen Raum in dem betreffenden Roman: In der ursprünglichen Fassung von »Wahnsinn, der das Herz zerfrisst« war der Teil über den berühmten »verregneten Sommer« der britischen Romantik, als sich Byron, Shelley, Mary Godwin (später Shelley) und Claire Clairmont mit Dr. Polidori in der Villa Diodati gegenseitig mit Spukgeschichten erschreckten, um einiges länger, aber meine erste Lektorin meinte nicht zu Unrecht, dass dies von der Hauptgeschichte – über Byron und seine Schwester Augusta – ablenkte, also wurde gekürzt. Erst gar nicht einbauen, weil es wirklich nichts mehr mit der Hauptgeschichte zu tun hatte, konnte ich die turbulente Familiensaga der Lambs, die mir Neunzehnjährigen zeigte, dass die damals im Fernsehen laufenden Seifenopern »Dallas« und »Der Denver-Clan« zahm im Vergleich waren: Die Gunst der Lady Melbourne, Byrons Vertraute, wurde in jüngeren Jahren angeblich einmal von einem ihrer Liebhaber für 13.000 Pfund an einen Konkurrenten verkauft, den Earl of Egremont – nun, immerhin erhielt sie die Hälfte dieses Geldes … Ihr Sohn William, der Ehemann von Byrons Mätresse Caroline Lamb und als Lord Melbourne später Premierminister und Mentor von Königin Viktorias, hatte eine dokumentierte Vorliebe für S/M, ein Umstand, der mich damals 19-jährige erstmals darüber informierte, dass Sex mit Auspeitschen eine nicht unpopuläre Praxis ist – so etwas lernte man nicht am Kaiser-Heinrich-Gymnasium von Bamberg.

Einige der bewegendsten Geschichten, die ich durch meine Recherche entdeckte, gehören den Kastratensängern im 17. und 18. Jahrhundert. (»Castrati« spielen sowohl in meiner Novelle »Der Meister aus Caravaggio« als auch in meinem Roman »Verführung« eine wichtige Rolle.) Ob auf dem Höhepunkt der »Kastratenmode« nun mehrere tausende oder »nur« vierhundert Jungen pro Jahr in Italien kastriert wurden –in der oft vergeblichen Hoffnung, dass aus ihnen so später europäische Superstars des Gesanges würden –, ist in der Forschung umstritten, nicht aber das harte musikalische Training, und die immense Faszination, welche die erfolgreicheren Kastraten auf ihre Zeitgenossen ausstrahlten.

Natürlich bin ich bei der Recherche sprachlich eingeschränkt: Die einzige Fremdsprache, in der ich so fließend lesen kann wie in Deutsch, ist Englisch; mein Schullatein ist reichlich eingerostet, und französische Bücher kann ich zwar lesen, aber es dauert doch um einiges länger. Auch deswegen bin ich froh, dass es von den meisten Quellen bereits Übersetzungen gibt. Der aus dem Jahr 1486 stammende »Hexenhammer« von Jacob Sprenger und Heinrich Institoris ist schon auf Deutsch eine widerliche Lektüre; wenn ich mich seinerzeit für »Die Puppenspieler« durch den lateinischen Originaltext »Malleus Maleficarum« hätte arbeiten müssen, säße ich heute noch an dem Roman.

Recherche ist, wenn man sie mit der Hingabe betreibt, die ich als Romanautorin meinen Leserinnen und Lesern schuldig bin, harte Arbeit, die ich beim Verfassen eines Buches aber wirklich nicht missen möchte. Nur bei den Romanen, die ich bisher für Kinder und Jugendliche (und manche Erwachsene) verfasste, war sie nicht nötig, da es sich um Fantasy handelte, wie zum Beispiel bei meiner Novelle »Feueratem« – und ganz ehrlich, das Recherchieren fehlte mir!

»Wer die Zukunft verstehen will, muss die Vergangenheit kennen« heißt es – und deswegen lese ich historische Romane so gerne, wie ich sie schreibe: Indem wir – im Idealfall auf fesselnde, bewegende, unterhaltsame Art – etwas über die Geschichte der Menschheit erfahren, weitet sich unser Blick für das, was in unserer Gegenwart passiert, weil wir Ursachen verstehen und die Wirkung besser einordnen können.

Es erfüllt mich deswegen immer mit einem gewissen Stolz, wenn mir erzählt wird, dass meine Romane wie zum Beispiel »Die Löwin von Aquitanien« Lesende dazu inspiriert haben, sich noch weiter mit der Geschichte der Königin Eleonore zu beschäftigen – und mir dann widersprechen, weil sie in einer anderen Quelle etwas entdeckt haben, das vermeintlich im Widerspruch zu dem steht, was ich hervorgehoben oder bewusst weggelassen habe. Darüber habe ich schon leidenschaftliche Diskussionen geführt, die für alle Beteiligten bereichernd waren. Denn: ein Roman ist kein Sachbuch.

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