»Für mich waren Callboys immer tabu!«

24. April 2020
dotbooks

Ein Gespräch mit Bestsellerautorin Sandra Henke über den Wunsch, sich fallen zu lassen, Männer für gewisse Stunden und ihren neuen Roman LONDON LOVERS – DIE KUNST DER UNTERWERFUNG.

Liebe Sandra, Du bist die deutsche Romance Queen – was inspiriert Dich nach so vielen Bestsellern immer noch zu neuen Geschichten wie nun der von Maddy in LONDON LOVERS?

Sandra Henke: »Mein Kopf ist voller Geschichten. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passieren würde, wenn ich sie nicht rauslassen würde – ›I’m going slightly mad‹ von Queen fällt mir da spontan ein … Aber mal ehrlich, so sind wie Autoren eben: wandelnde Märchenbücher. Von Zeit zu Zeit – zum Beispiel auch, als die sogenannte Corona-Krise losging – frage ich mich, ob ich nicht wertvoller für die Gesellschaft wäre, wenn ich in einem anderen Beruf arbeiten würde. Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger retten schließlich Leben … und ich? Aber dann wird mir zum Glück immer wieder klar, dass ich auch etwas Gutes tue: Mit meinen Geschichten helfe ich den Menschen, eine Auszeit vom Alltag zu nehmen, die dunklen Wolken zu vertreiben, sich zu erholen und neue Kraft zu tanken. Ich sehe mich als Good-Vibes-Botschafterin, damit die Menschen die großen und kleinen Probleme des Lebens besser überstehen. Mit meinen Büchern will ich ihnen zurufen: ›Haltet durch! Wir schaffen das gemeinsam.‹ Und dann schreibe ich einen Roman wie LONDON LOVERS, um Leserinnen und Leser auf äußerst delikate, prickelnde und erfahrene Weise abzulenken und aufzumuntern.«

Maddy ist eine Figur, die Leserinnenherzen höher schlagen lassen wird – sie ist nicht nur Buchhändlerin, sondern erfüllt sich ihren Traum nach einem dominanten Liebhaber auf ungewöhnliche Weise … Warum, glaubst Du, sind so viele Frauen von dieser dunklen Spielart der Erotik fasziniert?

Sandra Henke: »Ich bin Geschichtenerzählerin, keine Soziologin, aber die Frage müsste meiner Meinung nach lauten: Darf eine Frau überhaupt noch zugeben, sich mit Haut und Haaren einem Mann unterwerfen zu wollen? Wir leben immerhin – und zum Glück – im 21. Jahrhundert. Eine Frau kann, darf und muss heutzutage ›ihren Mann‹ stehen. Aber genau das weckt in vielen auch den Wunsch, einmal schwach sein zu dürfen, die Kontrolle abzugeben und sich führen zu lassen. Welche bessere Möglichkeit gibt es, dies auszuleben, als mit einem erotischen Buch? Deswegen ist meine Hauptfigur Maddy geradezu süchtig nach prickelnden Liebesromanen, die sie verschlingt wie andere Frauen Schokolade …

Maddy verstößt in LONDON LOVERS nicht nur gegen ein, sondern gleich zwei Tabus, was es für meine Leserinnen natürlich umso heißer macht – denn sie sucht die Erfüllung ihrer Träume in den Armen eines Callboys. Noch so eine Fantasie, die viele Frauen haben, ohne sie je in die Tat umzusetzen.

Aber will Maddy überhaupt Sex für Geld? Für sie geht es dabei zunächst um rationale Erwägungen: Sie ist nicht der Typ Frau, der in SM-Clubs geht, um einen dominanten Mann kennenzulernen. Und sie findet es zu risikoreich, im Internet nach einschlägigen Kontakten zu suchen. Wie soll sie also einen Mann finden, der sie auf erotische Weise herausfordert und ihr dadurch Höhepunkte beschwert, die sie bisher nur aus Büchern kennt? Ein Callboy scheint ihr daher die einzige Möglichkeit, diese dunkle ausschweifende Lust jemals zu erleben …

Ich glaube, dass wir Frauen heute stärker und selbstbewusster sind als jemals zuvor – und wir es deswegen mögen, in unseren intimsten Träumen mit dem Gegenteil zu spielen und Grenzen zu überschreiten. LONDON LOVERS ist darum meine Einladung, das eigene Kopfkino zu befeuern.«

Deine Hauptfiguren Maddy und Ace treffen sich, wie Du uns ja nun schon verraten hast, als sie ihn bucht – als Mann für gewisse Stunden. Es ist das erste Mal, dass Du über einen ebenso dominanten wie einfühlsamen Callboy schreibst: Was hat Dich an dem Thema interessiert?

Sandra Henke: »Für mich als Autorin waren vor den LONDON LOVERS Callboys immer Tabu. Ich fand es bisher reizvoller, wenn meine Heldinnen einen sexy Mann knacken, der sonst niemanden an sich heranlässt, wie z.B. in DIE MASKE DES MEISTERS und FLAMMENZUNGEN. Das macht sie einzigartig, sie ist etwas Besonderes für ihn. Und meine Heldinnen konnten sich immer sicher sein, dass er ihr treu und ergeben sein würde. Ein Callboy dagegen schläft mit fast jeder Frau, die ihn bucht. Kann so jemand anziehend sein?

Bei vielen Leserinnen stehen Männer für gewisse Stunden inzwischen hoch im Kurs. Also habe ich angefangen, über sie nachzudenken … und muss sagen: Ja, die haben etwas! Zum einen ist ein Callboy ein Profi in Sachen Erotik und kennt ausnahmslos alle erotischen Tricks, um seine Liebhaberinnen so sehr zu erregen, dass sie ihm aus der Hand fressen und Dinge für ihn tun, die sie niemals für möglich gehalten hätten. Zum anderen habe ich mir natürlich etwas Besonderes für LONDON LOVERS ausgedacht. Was das ist, verrate ich nicht, aber dadurch ist der äußerst attraktive und sexuell sehr erfahrenen Helden Ace anders als alle anderen Callboys in London.«

Was magst Du besonders an Deinen beiden Hauptfiguren Maddy und Ace?

Sandra Henke: »Maddy ist so bezaubernd, dass ich sehr gerne mit ihr befreundet wäre. Sie teilt meine Leidenschaft für Bücher und ist eine liebe, bodenständige Person, ohne dadurch langweilig zu sein. Sie denkt von sich selbst, dass sie durchschnittlich aussieht – aber umso lebendiger ist ihre Fantasie. Sie hat private und berufliche Träume, wie wohl jeder von uns. Irgendwann findet sie den Mut, ihnen nachzugehen und sie wahrwerden zu lassen. Ist das nicht beneidenswert? Wir sollten alle mutiger sein! Vielleicht inspiriert LONDON LOVERS ja meine Leserinnen und Leser, ihre Wünsche zu verwirklichen?

Auch in Ace werden sich viele wiedererkennen. Er ist gefangen im Hamsterrad: Tagein, tagaus arbeitete er viel und lang, treibt danach Sport und geht danach einfach nur ins Bett, weil es schon spät ist. Er merkt nicht, wie sein Privatleben und seine Freude am Leben dabei auf der Strecke bleiben. Der Alltag frustriert ihn und er sieht keinen Weg aus der Unzufriedenheit – bis er Maddy trifft. Sie ist sein Lichtblick. Indem er sie zu seiner Lustdienerin erzieht, blüht er selbst immer mehr auf. Es hat mir großen Spaß gemacht, ihn dabei zu begleiten und ihm zuzusehen, wie er sich in Maddy verliebt, ohne es zu merken.«