Interview mit Nora Berger – Das Mädchen und der Templer

Wir haben für euch unsere Autorin Nora Berger interviewt und sie gefragt: »Was fasziniert Sie am 13. Jahrhundert, der Zeit, in der Ihr Roman DAS MÄDCHEN UND DER TEMPLER spielt?«
Nora Berger: »Zuerst einmal die Frage, wie der Glaube an Gott und den Papst so stark sein konnte, dass die Menschen auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem ihr Leben riskierten. Dass sich die Tempelritter auf die Suche nach wertvollen Reliquien machten, dem Kreuz Christi und dem mysteriösen Gral, den man im Heiligen Land vermutete. Und es erstaunte mich, dass diese Bewegung sogar die Kinder erfasste, die glaubten, Jesus oder Maria hätten ihnen den Auftrag gegeben, sich unter den schwierigsten, sagen wir einmal, unmöglichen Umständen, auf den Weg zu machen.
Die Anne in meiner Geschichte hat einen starken Charakter. Sie weiß, was sie will. Die Gabe des Hellsehens hat sie von ihrer Mutter geerbt, der Wahrsagerin in der Truppe der Spielleute. Aber Anne möchte nicht so enden wie sie, die immer in Gefahr ist, als Hexe angeklagt zu werden. Sie greift nach dem einzigen Strohhalm, der sich ihr bietet: Sich als Junge auszugeben und als Pferdeknecht mit den Templern die Reise ins Heilige Land anzutreten.
Dass sie sich in den Tempelritter Thibaud verliebt, kompliziert die Situation. Diese Liebe ist verboten, ausweglos. Wie Anne damit umgeht, wie Thibaud dazu steht, das ist im Roman ein spannendes Thema.«
Neugierig nachgefragt bei Nora Berger zu ihrem historischen Roman DAS MÄDCHEN UND DER TEMPLER: »Welche Herausforderungen musste eine Frau wie Anne in dieser Zeit bewältigen?«

Nora Berger: »Sie durfte vor allem nicht zimperlich sein. Auf einer gefährlichen Reise wie dieser gibt es Situationen, in denen sie sich wie ein Mann wehren und kämpfen muss. Hitze, Kälte, alle Strapazen müssen klaglos ertragen werden. Auch wenn Anne erschöpft ist, hat ihre Arbeit, die Versorgung der Pferde, Vorrang. Krank zu werden, sich einem Arzt zeigen zu müssen, würde ihr Geheimnis aufdecken.
Vor allem anderen muss sie sich vor dem neidischen Knappen Martin in Acht nehmen, der ihr nach dem Leben trachtet und ihr tückische Fallen stellt. Und seine Attacken sind zahlreich: er bedroht sie mit einem Messer, will ihrem geliebten Pferd giftige Kräuter zu fressen geben – und legt ihr eine giftige Schlange ins Bett … Martin wird ihr größter Feind. Aber auch andere Probleme tun sich auf: Wie kann sie Thibaud vor dem unheimlichen Mönch Albinius schützen, der das Kreuz Christi stehlen will? Seit sie den Mönch im Gespräch mit dem Kölner Erzbischof belauscht hat, weiß sie, dass er es heimlich auf das Kreuz und den Gral abgesehen hat. Doch da der Mönch durch sein umfassendes Heilwissen in Thibauds Gunst steht, tut der ihre Visionen vorerst als nichtig ab. Diesen Fehler könnte er allerdings sehr bald bereuen …«
Wo bewegt sich unsere Autorin Nora Berger in ihrem Roman DAS MÄDCHEN UND DER TEMPLER zwischen überlieferten Fakten und Fiktion?

Nora Berger: »Die historischen Fakten des Romans habe ich genau recherchiert. Alles, was man über das Jahr 1211 des 13. Jahrhunderts noch weiß, über die Schauplätze, die Regierenden, die politische und geografische Situation, habe ich in den Roman mit einfließen lassen.
Vor diesem Hintergrund habe ich dann die Geschichte aufgebaut, mit fiktiven Figuren wie Anne und Thibaud, die so reden und handeln, wie sie es in bestimmten Situationen getan haben könnten.
Die Kinderkreuzzüge, die ich hier beschreibe, sind geschichtlich belegt, allerdings sehr verschwommen interpretiert, da sie ja gescheitert sind und der Ausgang des Geschehens ein bisschen unter den Teppich gekehrt wurde. Meinen Informationen nach soll es Étienne und Nikolaus, die Anführer dieser Kinderkreuzzüge wirklich gegeben haben. Ich habe versucht, mich ein bisschen in die Idee dieser schwärmerischen und wirklichkeitsfremden Bewegung hineinzuversetzen, die Kinder auf ihrem Weg ans Meer zu begleiten und die Geschichte Ihrer Reise mit viel Fantasie aufzuschreiben.«
Was macht die Beziehung von Anne und Thibaud aus?

Nora Berger: »Diese Beziehung ist lange Zeit sehr kompliziert. Anne spürt, dass sie sich in Thibaud verliebt hat, sie bewundert und verehrt ihn – aber sie weiß auch, dass eine Beziehung in der Situation, in der sich beide befinden, völlig unmöglich ist. Sie befindet sich also in einem sehr schmerzhaften Zwiespalt. Nicht nur wegen des Standesunterschiedes, sondern auch weil es einem Tempelritter laut Ordensregel untersagt ist, eine Frau zu lieben. Trotzdem möchte sie lieber sterben, als nicht an seiner Seite sein zu können.
Thibaud sieht in ihr ja nicht nur seinen Reitburschen. Er respektiert sie, schätzt ihre hellseherischen Fähigkeiten und weiß, dass er sich auf sie verlassen kann. Und er empfindet für Anne etwas, das er für Sympathie hält. Als seine Gefühle unerklärlicherweise tiefer werden, ist er erst einmal verwirrt. Was ist das, was er plötzlich fühlt, was durch seine Träume geistert? Raubt ihm ausgerechnet ein junger Bursche – sein Pferdeknecht – plötzlich den Schlaf? Er verdrängt diese Gedanken, diese unerwünschten Gefühle, die ihm laut Ordensregel nicht erlaubt sind, so gut es geht.
Doch als das, was er im Heiligen Land erlebt, in ihm eine neue Dimension erstehen lässt, kommt er zu neuen Einsichten und stellt seine Existenz als Tempelritter in Frage. Kann er ein neues Leben beginnen, der Liebe Raum geben?«
Das Gespräch führte Agnes Ejma aus dem dotbooks-Lektorat.
Ursula Niederberger schreibt unter dem Pseudonym Nora Berger. Sie wurde in Düsseldorf geboren, heiratete nach Bayern und lebt heute mit ihrem Mann in Traunstein und zeitweise in einem kleinen Appartement mitten in Paris, wo sie an der Sorbonne Philosophie und Literatur studierte. Sie ist aktives Mitglied bei der DeLiA und Homer.
Die Website der Autorin: nora-berger.info/
Die Autorin bei Facebook: facebook.com/norabergerhistorischeromane/
Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin den historischen Roman DIE REISE DER KREUZFAHRERIN sowie DAS MÄDCHEN UND DER TEMPLER als eBook und Printbuch.