Judith Nicolai im Interview

28. Dezember 2018
dotbooks

»Als Schriftstellerin habe ich ja das große Privileg, in die Köpfe meiner Protagonisten zu schauen.«

Ein Gespräch mit unserer Autorin Judith Nicolai über ihre Inspiration beim Schreiben, die Bedeutung von Heimat und ihren Bestsellerroman DIE FRAUEN VOM SCHLEHENHOF.

Liebe Frau Nicolai, was hat Sie zu Ihrem neuen Roman DIE FRAUEN VOM SCHLEHENHOF inspiriert?

Judith Nicolai: »Die Idee zu diesem Roman hatte ich schon, als ich noch an meinem Debüt SCHNEETÄNZERIN schrieb. Greta und Johanna, zwei der Protagonistinnen aus DIE FRAUEN VOM SCHLEHENHOF, kommen bereits dort vor. Allerdings bleibt ihr Schicksal nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ostpreußen völlig offen. Und so war mir schnell klar, dass ich auch ihre Geschichte erzählen möchte. Wenn man so will, sind DIE FRAUEN VOM SCHLEHENHOF also ein Spin-Off der SCHNEETÄNZERIN. Außerdem fiel mir dadurch, dass ich zwei der Figuren noch ein Stückchen weiter begleiten durfte, der ›Abschied‹ von meinem ersten Roman nicht ganz so schwer.«

Worin bestand für Sie die Herausforderung, diesen Roman zu schreiben?

Judith Nicolai: »Zum einen darin, dass Hanka und Greta, die beiden Hauptpersonen, in mancher Hinsicht ganz unterschiedliche Charaktere sind, aber bei näherer Betrachtung doch einiges gemeinsam haben: Durch Schicksalsschläge werden sie aus ihrem Alltag gerissen und müssen ganz neu anfangen – beide in dem Dörfchen Rothenbach. Sie – und die Zeit, in der sie leben – authentisch darzustellen, war schon eine Herausforderung.
Zum anderen ist ein Roman zum Thema Flucht und Vertreibung ja an sich schon keine leichte Kost. In diese Thematik eine Liebesgeschichte und auch die ein oder andere humorvolle Passage einzubauen, ohne die Schicksale der Menschen, die nach 1945 mit buchstäblich nichts im Westen ankamen, geringzuschätzen, war die zweite große Herausforderung. Es würde mich freuen, von meinen Leserinnen und Lesern zu hören, dass mir das gelungen ist.«

Ihr Roman spielt sowohl in der Gegenwart als auch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Was begeistert Sie am Schreiben auf zwei Zeitebenen?

Judith Nicolai: »Für mich besteht der besondere Reiz darin, dass ich mich als Schriftstellerin durch den Wechsel der Zeitebene zum einen jeweils in einem ganz anderen Umfeld bewege. Das geht schon bei der Kleidung los, die ich beschreibe, bei Redewendungen, die die Protagonisten benutzen, und natürlich beim sozialen Umfeld, den Regeln und Normen, denen die Menschen in ihrer Zeit unterworfen sind.
Zum anderen habe ich dadurch die Möglichkeit, zwei Geschichten zu verbinden und zu zeigen, welchen Einfluss vergangene Ereignisse auf die Menschen in der Gegenwart haben.«

Sie lassen Ihre Protagonistinnen Hanka und Greta schwere Schicksalsschläge, aber auch großes Glück erleben und loten so deren Gefühlswelten facettenreich aus. Was fasziniert Sie daran?

Judith Nicolai: »Mich fasziniert die Frage nach dem ›Was wäre, wenn …?‹. Wie hätte ich selbst in dieser Situation reagiert? Wäre ich an diesen Schicksalsschlägen gescheitert oder wieder aufgestanden? Als Schriftstellerin habe ich ja das große Privileg, in die Köpfe meiner Protagonisten zu schauen und sie die Entscheidungen treffen zu lassen, für die mir vielleicht der Mut gefehlt hätte.«

Hanka kehrt nach einem schweren Schicksalsschlag in ihre Heimat zurückkehrt und Greta – 70 Jahre zuvor – findet in dem gleichen Ort eine neue Heimat. Welche Bedeutung hat Heimat für Sie persönlich?

Judith Nicolai: »Eine größere, als ich mir früher eingestanden habe. Ich bin selbst nach Jahren in der Fremde (genaugenommen in Bayern und Hessen) wieder in die alte Heimat zurückgekehrt, in das Dorf, in dem schon mein Großvater aufgewachsen ist. Dass er hier schon als kleiner Bub durch die Straßen gestromert ist, ist für mich ein schöner Gedanke. Und die Apfelbäume, die er vor siebzig Jahren gepflanzt hat, haben in diesem Herbst wieder reich getragen.«

Was gefällt Ihnen besonders an Ihren Protagonistinnen Hanka und Greta – und was nicht?

Judith Nicolai: »Hanka und Greta sind beide Kinder ihrer Zeit. Hanka ist eine toughe, junge Frau, die in einem künstlerischen Beruf erfolgreich ist. Das finde ich toll. Manchmal kann sie aber auch ziemlich kratzbürstig sein, da musste ich sie gelegentlich ein bisschen bremsen.
Greta dagegen ist ein sensibles, verwöhntes Mädchen, das für ihre Musik lebt. Nachdem sie in Rothenbach gestrandet sind, muss Greta – oft widerwillig – die Verantwortung für ihre traumatisierte Schwester Johanna übernehmen und den harten Alltag auf dem Schlehenhof meistern. Für ein junges Mädchen eine außerordentliche Leistung – aber in dieser Zeit sicherlich kein Einzelfall. Was mir nicht so gut an Greta gefällt? Na ja, ihr Männergeschmack vielleicht …«

Gretas Reise, ihr Unglück und ihr Neuanfang sind sehr authentisch geschildert: Flucht, Ausgrenzung und Kriegstraumata. Wie haben Sie für Ihren Roman recherchiert?

Judith Nicolai: »Wenn man sich als Autorin historischer Romane im zeitgeschichtlichen Bereich, also in den Jahren ab dem Zweiten Weltkrieg bewegt, hat man das große Glück, dass wirklich sehr viele dokumentierte Erinnerungen an diese Zeit existieren. Es gibt ganz großartige Oral-History-Projekte, in denen Zeitzeugen ihre – oft erschütternden – Erinnerungen erzählen.
Gretas Figur ist an eine junge Frau aus dem Böhmerwald angelehnt, die nach dem Krieg bei einer Bauernfamilie in meinem Heimatdorf einquartiert wurde. Soweit ich weiß, hatte sie mit diesen Leuten aber wesentlich mehr Glück, als Greta und Johanna mit den Conrathsbauern. Was es damit auf sich hat, verrate ich in meinem Roman.«

Ihr Roman spielt über weite Teile in einem beschaulichen Dorf am Fuße des Schwarzwalds. Warum haben Sie sich für diesen Handlungsort entschieden?

Judith Nicolai: »Zum einen sollte für die Hauptfiguren der Bruch mit ihrem bisherigen Leben möglichst groß sein: Hanka lebte in der Großstadt Berlin, Greta und Johanna hat es aus Ostpreußen nach Rothenbach verschlagen – für alle erst mal ein Kulturschock. Letztlich hat der kleine Ort aber doch mehr zu bieten, als sie anfangs erwartet haben.
Außerdem ist die Gegend zwischen Schwarzwald und Rheinebene ein Heimspiel für mich. Ich bin sozusagen selbst in Rothenbach aufgewachsen – beinahe jedenfalls. Inklusive des Kerwemarktes, der mageren Jesusfigur am Ortseingang und des neugierigen Nachbarn mit der Schiebermütze.«

Haben Sie eine Lieblingsszenen, die ihnen während des Schreibens besondere Freude bereitet haben?

Judith Nicolai: »Oh ja. Am liebsten habe ich an den Szenen geschrieben, in denen Hanka und Roman so richtig aneinandergeraten. Ich finde es wunderbar, wenn die beiden die Klingen kreuzen. Aber auch die tragische Szene gegen Ende des Romans (die ich jetzt aber nicht vorwegnehmen werde), habe ich sehr gern geschrieben, obwohl mir solche Szenen bei Weitem nicht so leicht von der Hand gehen wie die leichteren, humorvollen. Schon beim Schreiben, frage ich mich dann oft, welche Szenen beim Lesen einen besonderen Eindruck hinterlassen werden. Über Rückmeldungen meiner Leserinnen und Leser dazu freue ich mich immer sehr.«

Das Gespräch führte Christine Albach aus dem dotbooks-Lektorat.

Judith Nicolai wurde 1976 in Karlsruhe geboren. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bereits mit 14 Jahren. Dennoch machte sie erst eine Ausbildung zur Buchhändlerin und studierte anschließend Gartenbauwissenschaften. Heute lebt sie in der Nähe von Karlsruhe.

Bei dotbooks erschienen bereits Judith Nicolais Romane »Schneetänzerin«, »Das Herz der Schneetänzerin«, »Der Traum der Schneetänzerin« und »Die Frauen vom Schlehenhof«.

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