Sabine Weiß über “Die Wachsmalerin”

28. Juli 2016
dotbooks
Sabine_Weiss(c)

Sabine Weiß (c) Andre Poling

„Nicht nur während der Französischen Revolution, war Madame Tussauds selbst ein Teil der Historie.”

Unsere Autorin Sabine Weiß über Begeisterung, Wachsfiguren und ihre historischen Romane „Die Wachsmalerin” und „Das Kabinett der Wachsmalerin“:

 

Der Bibliothekar der ehrwürdigen Nationalbibliothek Dublin strahlte unvermittelt über das ganze Gesicht: „Ah, Sie recherchieren über Marie Tussaud? Ich erinnere mich genau an meinen ersten Besuch bei Madame Tussauds! Ich war ein kleiner Junge und ging mit meinem Tantchen in London dorthin.“ Er schien ganz in die Erinnerung versunken. „Wir näherten uns dem Chamber of Horrors, dem berühmten Gruselkabinett – ich war entsprechend aufgeregt. Ein schmaler Gang sollte uns hinführen. Meine Tante blickte hinein, sah einen Mann am anderen Ende und sagte, weil sie eine sehr dicke Frau war: ,Lass uns warten, bis er herauskommt‘.“ Die Augen des Bibliothekars blitzten verschmitzt, als ich gespannt lauschte.

Weiss-Wachsmalerin-2Noch oft sollte ich während meiner Recherchen, die mich auf den Spuren von Marie Tussaud nach Straßburg und Paris, aber auch quer durch England, Irland und Schottland führten, diese Begeisterung spüren. Madame Tussaud ließ niemanden kalt. Jeder – zumindest in Großbritannien – hatte seine ganz eigene Madame Tussauds-Geschichte zu erzählen.
Diese Faszination ist bereits seit den Anfängen von deren Wachsfigurenkabinett überliefert. Zwei Gründe für die Begeisterung sind die exzellente Qualität der Figuren, aber auch die ausgefeilte Art der Präsentation. Marie Tussaud war es stets ein Anliegen, die Verdienste und Absonderlichkeiten der dargestellten Persönlichkeiten zu schildern, und wenn man sich mit ihrer Biografie beschäftigt, versteht man auch, warum: Nicht nur während der Französischen Revolution, in der sie die Wachsmasken der hingerichteten Revolutionäre nahm, war sie selbst ein Teil der Historie.

Die Kunstpause des Bibliothekars hatte einen Grund, und die Leser, die Madame Tussauds kennen, ahnen, welcher es ist: „Wir warteten und warteten also. ,Na, das scheint ja interessant zu sein, wenn er so lange braucht‘, sagte mein Tantchen und sah noch einmal in den Gang.“ Lachend beugte sich der Bibliothekar vor und flüsterte: „Der Mann stand an der gleichen Stelle – wir waren auf eine Wachsfigur hereingefallen!“